1. Das Entschlichten (Desizing)
Bevor die Farbe kommen kann, muss der Schutz weichen. Webgarne für Köperbindung werden beim Weben mit Stärke (Schlichte) überzogen, um sie reißfest zu machen.
- Chemikalien: Enzyme (Amylase) oder eine milde Lauge (Natriumcarbonat).
- Prozess: Der Stoff wird in heißem Wasser mit Enzymen eingeweicht. Ohne diesen Schritt würde das Indigo nur auf der Stärke sitzen und beim ersten Waschen komplett abfallen.
2. Das Abkochen (Scouring)
Baumwolle enthält natürliche Fette, Wachse und Pektine, die wasserabweisend wirken.
- Chemikalien: Natriumhydroxid (Ätznatron) und Tenside.
- Prozess: Durch das Kochen in der Lauge wird die Faser „geöffnet“ und absolut aufnahmefähig gemacht. Nur so erreicht das Indigo später die tiefen Täler der Köper-Struktur.
3. Die Küpe ansetzen (Vatting)
Indigo-Pulver ist in Wasser unlöslich. Wir müssen es in einen löslichen Zustand bringen: die Leuko-Form. Dafür nutzen wir hier die bewährte 1-2-3-Fructose-Küpe.
- Chemikalien: 1 Teil Indigo-Pulver, 2 Teile Calciumhydroxid und 3 Teile Fructose. Als Basis dient sehr heißes Wasser (ca. 79–82 °C). Da die feinen Pulver reizend wirken können, werden Handschuhe, Augenschutz und eine Staubmaske dringend empfohlen.
- Prozess: Die Zutaten werden nacheinander in heißem Wasser aufgelöst und in die Küpe gegeben. Anschließend wird die Küpe für zwei bis drei Minuten kräftig umgerührt. Wenn du das Rührholz langsam herausziehst, bildet sich an der Oberfläche eine Ansammlung von Blasen – die sogenannte Indigo-Rose (oder Indigo-Blume).
Lässt man die Küpe nun ruhen, schwimmt diese Blume obenauf und die Oberfläche entwickelt einen kupferfarbenen Schimmer. Darunter wird die Flüssigkeit innerhalb von etwa 30 Minuten klar und nimmt eine gelbe oder bernsteinfarbene Farbe an. Erst in diesem reduzierten Zustand können die Moleküle in die Baumwolle wandern.
Die Mathematik des Blaus: Mischverhältnisse
Tipp: Um die richtigen Mengen zu berechnen, musst du vorab entscheiden, welchen Blauton du erzielen möchtest. Die Farbstoffmenge wird dabei in Gramm Indigo pro Liter (g/L) angegeben.
Tipp zur Wassermenge: Für einen herkömmlichen Eimer (ca. 19 Liter Volumen) ist eine 16-Liter-Küpe ideal. Das lässt genau den nötigen Freiraum, um den Stoff später einzutauchen, ohne dass die Flüssigkeit überläuft.
| Blauton | g/L | Rezeptur (16L Küpe) |
|---|---|---|
LeichtesBlau |
2 - 2,5 g/L | 32g Indigo, 64g Calciumhydroxid, 96g Fructose |
MittleresBlau |
3 - 6 g/L | 80g Indigo, 160g Calciumhydroxid, 240g Fructose |
DunklesBlau |
7 - 10 g/L | 128g Indigo, 256g Calciumhydroxid, 384g Fructose |
4. Der Tauchgang (Dipping)
Das Gewebe wird nun langsam und ohne Luftblasen in die gelbe Küpe gelassen.
- Prozess: Die Zeit im Bad bestimmt, wie viele Moleküle sich an die Faser hängen. Wichtig: Der Stoff darf den Boden des Gefäßes (wo der chemische Schlamm liegt) nicht berühren, um Flecken zu vermeiden.
5. Die Oxidation (Das blaue Wunder)
Der magischste Moment des Prozesses. Sobald der Stoff aus der Küpe gezogen wird, ist er gelb-grün.
- Prozess: Durch den Kontakt mit Sauerstoff wandelt sich das Leuko-Indigo wieder in seine unlösliche, blaue Pigmentform um. Die Moleküle werden in der Faser „eingesperrt“. Erst jetzt sieht man das echte Indigo-Blau.
6. Mehrfache Schichtung (Layering)
Ein einziger Tauchgang ergibt nur ein blasses Hellblau.
- Prozess: Der Wechsel zwischen Tauchen (Dipping) und Oxidieren wird mehrfach wiederholt (oft 8 bis 30 Mal). Mit jedem Durchgang lagert sich eine neue Schicht Indigo auf die vorherige. So entsteht die unglaubliche Farbtiefe bei dunklem Denim.
7. Neutralisation & Spülen
Die aggressive Lauge muss aus dem Stoff entfernt werden, um die Baumwollfaser nicht zu schädigen.
- Chemikalien: Essigsäure oder Zitronensäure (zum Neutralisieren des pH-Werts).
- Prozess: Der Stoff wird gespült, bis das Wasser klar ist und der pH-Wert neutral (ca. 7) liegt. Dies fixiert die Farbe und macht den Stoff griffest.
Hinweis für Kenner:
Dieser Prozess ist bei 100 % Baumwolle besonders effektiv, da die Köperbindung durch ihre diagonale Struktur viel Oberfläche für die Pigmentanlagerung bietet, während die mechanische Reibung später genau an diesen Erhebungen das Weiß des Kerns wieder freilegt.